Die tobende Weltfinanzkrise ist die logische Folge der größten Spekulationsblase aller Zeiten. Anders gewendet: die angloamerikanischen Großspekulanten konnten ihre Gewinn- und Provisions-Gier ohne staatliche Kontrolle und Aufsicht entfalten. Sie überzogen die Finanzwelt mit ihren absolut neuen Produkten, die nur noch wenig realwirtschaftliche Substanz aufwiesen, wie sie etwa Aktien, Firmenanleihen oder Immobilien zu eigen ist. Die Finanzwelt krankt an einer Inflation von so genannten Derivaten, deren Preise sich etwa von Hypothekenkrediten, Aktienindices, Anleihen, Währungen und Krediten aller Art ableiten (lateinisch: derivare). Wenn die Investmentbanker behaupten, es handle sich um eine in den USA gezüchtete Subprime-Krise, dann sagen sie allenfalls die halbe Wahrheit. In diesen Subprime-Zertifikaten sind zwar zweit- und drittklassige Hypothekenkredite zu neuen Finanzprodukten gebündelt und verkauft worden, woran u. a. die deutschen Banken IKB und Sachsen-Bank zugrunde gingen. Was entscheidender ist: Es sind Unmengen anderer Derivate beigemischt worden, wodurch der US-Hypotheken-Krisen-Effekt maßlos aufgebläht wurde. Als die fünftgrößte US-Investmentbank Bear Stearns gerettet werden mußte, hatte sie die unfassbare Summe von 13 Billionen (!) Dollar an Derivaten in den Bilanzen. Hätte die US-Regierung einen der Großzocker fallen gelassen, wäre das gesamte Derivatensystem der Welt zusammengebrochen.- Derivate: Verträge über den Kauf oder Verkauf von Finanzprodukten zu einem am Tag des Vertragsschlusses vereinbarten Preis (Terminkontrakt) oder Verträge über Rechte auf zukünftigen Kauf oder Verkauf (Option).
- Subprime-Zertifikate: Subprime heißen Schuldner, die sich einen Kredit eigentlich nicht leisten können. In Subprime-Zertifikaten wurden die Schulden gebündelt und verkauft.
Gefährliche Finanz-Alchemie:
Die Großbanken der Welt haben mit dieser Finanz-Alchemie sich selbst Gelddruck-Maschinen zugelegt, so dass inzwischen die gewaltige Summe von 700 Billionen (!) Dollar an Derivate-Kontrakten in den Bilanzen vagabundieren. Deshalb vermag kein solider Notenbankier oder Spitzenpolitiker zu behaupten: Die Gefahren des Casino-Kapitalismus sind gebannt.
Genauso gefährlich sind die großen Hedge-Fonds und Private Equity-Fonds, die mit enormen Schuldenhebeln weitere Billionen Dollar in den Industrien angelegt haben. Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt nennt diese Finanz-Alchemie "Raubtierkapitalismus", Ex-Nestle-Chef Helmut Maucher die Akteure "Räuberkapitalisten" und der einflussreiche Vermögensverwalter Jochen Sauerborn "Hokus Pokus-Kapitalisten". Die Geister, die sie riefen, waren weltweit bei Banken und Großanlegern en vogue. Anders gesagt: Wenn alle verrückt sind, merkt es keiner. Die Konsequenzen dieser wunderbaren Geldvermehrung versetzen nun Anleger, Sparer, Unternehmer, Gewerkschafter und Steuerzahler in Angst und Schrecken. Und die Spitzenpolitiker aller Staaten müssen für die hochspekulative Gier der Hochfinanz die Rettungsringe bereithalten. Ein paar Szenen der Krise zur Erinnerung: An den Finanzmärkten tobt eine Art Tsunami - Großbanken und Versicherungen gehen entweder pleite oder werden mit Hunderten Milliarden Dollar oder Euro über Wasser gehalten. Der Staat Island ist so gut wie pleite. Die USA sind von einer Wirtschaftskrise bedroht!
- Schuldenhebel: Investiertes Eigenkapital im Verhältnis zur Kaufsumme.
Plötzliche Lust am starken Staat:
Diese Weltfinanzkrise ist deshalb ein Desaster, weil sie in Zeiten boomender Globalisierung passieren konnte. Zum Vergleich: Die Börsen- und Bankenkrise mit folgender Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren explodierte in einer frühen Entwicklungsphase des Kapitalismus und Kommunismus kurz nach einem teuren Weltkrieg. Damals existierten keine internationalen Gipfel-Gremien wie die G7, keine Weltbanken und Weltkonzerne, keine vernetzten Notenbanken, keine Bankenaufsicht. Die damalige Weltkrise gilt immer noch als Menentekel. Hiermit erklärt sich, warum urplötzlich die Lust am starken Staat die Oberhand gewinnt. Wer hätte vor Monaten noch mit volkseigenen Betrieben in Großbritannien und den USA gerechnet, wer in dieser Republik mit massiv gekürzten Bankiers-Einkommen und schärferen Waffen für die Bankenaufsicht?
Gelddrucken und Hochfinanz:
Ein Welt-Finanzgipfel der Industrie- und Schwellenländer soll demnächst darüber beraten, was von den Exzessen des anglo-amerikanischen Kapitalismus ("PAX AMERIKA" an den Weltfinanzmärkten) existieren darf und was verboten wird. Die EU wie die Bundesregierung arbeiten an einer Liste von Geboten und Verboten, die besonders die Finanz-Alchemie in Schach halten soll. Denn das ist das Einmalige an der Krise: Nach den üblichen Spekulations-Übertreibungen in Aktien ist die absolut neue Hybris der Derivate, Hedge-Fonds und Private-Equity hinzu gekommen, also das Gelddrucken der Hochfinanz im großen Stil. Hieraus entsteht die Kreditkrise, weil das Vertrauenskapital zwischen den sich gegenseitig Geld leihenden Banken in aller Welt plötzlich nicht mehr existent ist, und dies trotz massiver Geldspritzen der Notenbanken.
Das einzige, was hinter Papiergeld steht, ist ohnehin das Vertauenskapital von Staat und Wirtschaft. Deshalb beschließt ein EU-Krisengipfel mehr als 1000 Milliarden Euro für die Banken. Hierzulande sieht sich die Bundesregierung gezwungen, die Sicherheit aller Spareinlagen zu garantieren und kurz danach einen Sicherheitsschirm von 500 Milliarden Euro aufzuspannen.
Kurz zusammengefasst: Die Volkswirtschaften müssen vor der Hochfinanz geschützt werden, die mit ihrer Gier nach Supergewinnen die Weltfinanzkrise verschuldet hat.
Dieter Balkhausen
RAUBTIERKAPITALISMUS,
Wie Superspekulanten, Finanzjongleure und Firmenjäger
eine Weltfinanzkrise provozieren.
Verlag Fackelträger Köln 2007
19,95 Euro, ISBN 978-3-7716-4355-3

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